Geldgeschichte(n) - Teil 17: Die D-Mark wird eingeführt

In unserer Reihe blicken wir auf die Geschichte der Finanz- und Wirtschaftswelt zurück. Welche Ereignisse haben in dieser Kalenderwoche einst Märkte und Menschen bewegt? Heute: Wie die Westdeutschen sprichwörtlich über Nacht eine neue Währung erhielten:

Bevor 2002 der Euro als Bargeld eingeführt wurde, sah ein überaus beliebtes Motiv bei Karikaturisten etwa so aus: Ein Mann mit Schlafmütze umklammert ängstlich zitternd seine Bettgefährtin – eine D-Mark-Münze. Nichts liebt der „Deutsche Michel“ so sehr wie seine Währung, lautet die Botschaft. Dabei hat die Deutsche Mark als offizielles Zahlungsmittel eine vergleichsweise überschaubare Geschichte, mit gerade 54 Jahren ist sie deutlich kurzlebiger als etwa der US-Dollar (seit 1775) oder gar das britische Pfund, das bereits rund 1.200 Jahre auf dem Buckel hat und damit die älteste noch gebräuchliche (Landes-)Währung überhaupt ist.

Dass die D-Mark sich so großer Beliebtheit erfreut hat, hängt vermutlich aber gerade mit dieser relativen Kürze zusammen. Denn anders als Vorläufer wie Gold- oder Reichsmark steht sie für eine Epoche großer Stabilität – politisch wie wirtschaftlich. Wobei beides bei der Einführung im Sommer 1948 noch keineswegs absehbar ist. Im Gegenteil: Der ökonomische Aufschwung erscheint den Besatzungsmächten massiv gefährdet. Denn die Deutschen sitzen auf ihrem Geld, der immer noch gültigen Reichsmark. Dazu kommen von den Alliierten (über)reichlich gedruckte „Militärmark“. Angesichts des gefühlt wertlosen Geldes, findet der Austausch vor allem mittels Sachwerten statt. Für Geld zu arbeiten, wird dagegen als wenig lohnend empfunden.

In einer Hauruck-Aktion kam die DM nach (West-)Deutschland

Um Schattenwirtschaft und Schwarzmarkt zu begegnen, muss eine radikale Lösung her – die gleichzeitig eine heimliche Vorbereitung verlangt. Zum einen soll es keinen Aufruhr in der Bevölkerung geben, zum anderen herrscht Misstrauen unter den Alliierten selbst, besonders zwischen Amerikanern und Sowjets. Jeder verdächtigt den anderen, durch Einführung einer neuen Währung Fakten zu seinen Konditionen schaffen zu wollen.

Letztlich gelingt den Westmächten der erste Streich. In einer Hauruck-Aktion namens „Operation Bird Dog“ schaffen sie frisch gedruckte Banknoten im Nennwert von rund sechs Milliarden D-Mark über Monate hinweg ins Land: Insgesamt 23.000 Kisten gelangen per Schiff zunächst nach Bremerhaven, dann weiter per LKW nach Frankfurt, ohne dass der Coup auffliegt.

Zwar gibt es Gerüchte über eine Währungsreform, doch als diese am 18. Juni 1948, einem Freitag, tatsächlich per Rundfunk verkündet wird, ist die Überraschung allerorten groß – und die Reaktionsfrist kurz. Denn drei Tage später gilt bereits die neue Währung in allen Ländern des Westteils (außer im Saarland, dort dauert es noch elf Jahre länger). Der Umtausch sämtlicher Geldbestände soll binnen einer Woche erfolgen.

Auf die Währungsumstellung folgt ein Generalstreik

Dabei gestalten sich die Konditionen äußerst kompliziert: Gerade mal 60 Reichsmark dürfen eins zu eins in D-Mark getauscht werden, ein Drittel davon sogar mit einer Verzögerung von zwei Monaten. Dazu kommen - sich immer wieder ändernde - Kontenregelungen, durch die eine Inflation verhindert werden soll. Schließlich gibt es im Schnitt gerade mal 6,50 D-Mark für 100 alte Reichsmark. Allerdings werden Löhne wie auch Mieten und Steuern fortan in gleicher Höhe in DM gezahlt.

Zunächst bringt das die Bürger auf die Barrikaden: Im November 1948 beteiligen sich am einzigen Generalstreik der Nachkriegshistorie rund neun Millionen Menschen. Doch das einsetzende „Wirtschaftswunder“ ist Balsam auf die anfänglichen Wunden, und so fühlen sich die (West-)Deutschen ihrem neuen Geld zusehends verbunden – obwohl dessen Aussehen sich immer wieder wandelt. Allein die Pfennig-Münzen sowie das 1-DM-Stück erhalten bereits in ihren Einführungsjahren 1949/50 eine Optik, die sich bis zur Ablösung durch den Euro nicht mehr ändert; lediglich der Schriftzug „Bank Deutscher Länder“ am Rand wird ab 1950 durch „Bundesrepublik Deutschland“ ersetzt.

Warum der Silber-Fünfer schnell wieder verschwand

Die erstmals 1952 ausgegebene 5-DM-Münze besteht zunächst mehrheitlich aus Silber, aufgrund des hohen Materialwerts wird sie ab 1975 durch eine Kupfer-Nickel-Legierung ersetzt. Besonders wandlungsreich ist die Geschichte des 2-DM-Stücks: Die erste Variante von 1951 wird (zu) oft mit dem 1-DM-Stück verwechselt. Dann fällt der Nachfolger durch, weil er in Automaten durch deutlich wertärmere Fremdwährungen ersetzt werden kann. Somit kommt die letztgültige Version erst in den frühen 70ern auf den Markt. Als einzige zeichnet sie sich auch durch wechselnde Motive auf der Rückseite aus: Verdiente Politiker werden nach ihrem Tode auf der Münze verewigt: Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Kurt Schumacher, Ludwig Erhard, Franz Josef Strauß und Willy Brandt.

Noch abwechslungsreicher ist die Historie der Banknoten: Die erste Serie  von 1948 hat Nennwerte von ½ bis 100 DM, ihr Aussehen orientiert sich eher am US-Dollar. Bereits wenige Wochen später folgt eine zweite Serie durch die Bank Deutscher Länder; die Stückelung reicht von 5 Pfennig (!) bis 100 Mark. Die dritte Serie behält dann von den frühen 60ern bis Mitte der 90er ihre Gültigkeit, der kleinste Wert ist der „Fünfer”, der höchste der „Tausender”.

Schließlich werden ab 1990 Scheine der vierten Serie ausgegeben, neu hinzu kommt der 200-DM-Schein. Obwohl diese Noten deutlich fälschungssicherer sein sollen, erhalten die besonders gängigen 50er, 100er- und 200er nach einigen Jahren schon wieder eine verbesserte Neuauflage.

100 Mio. DM wechseln die Deutschen Jahr für Jahr in Euro

Zu Jahresbeginn 2002 verliert die D-Mark dann ihren Status als offizielles Zahlungsmittel zugunsten des Euro. Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern wie Italien bleiben die Münzen und Scheine aber unbegrenzt gültig und können jederzeit bei der Bundesbank eingetauscht werden. Dieses Angebot scheint weiterhin seine Berechtigung zu haben: Jedes Jahr werden bis zu 100 Millionen DM gewechselt. Allerdings ist das nur ein Bruchteil der Summe, die sich nach Schätzungen noch im Umlauf befindet – sie beträgt fast 13 Milliarden DM. Die Verbundenheit der Deutschen zu „ihrer“ Mark scheint weiterhin sehr groß zu sein.