Die bekannteste Börsenweisheit – was ist wirklich dran?

Dax, Nikkei, Dow, Hang Seng-Index, EuroStoxx – am ersten Handelstag im Mai wiesen die Kurszeiger der Börsen weltweit nach oben. Keine Spur von Katerstimmung gemäß dem Leitspruch „Sell in May and go away...”?. Nun sagt ein Handelstag wenig aus, doch lohnt es, sich die wohl bekannteste Börsenweisheit etwas genauer anzusehen.

Wie sie entstanden ist, weiß man nicht. Nur, dass der Ausspruch an der Wall Street geprägt wurde, das ist bekannt. Eventuell, glaubt mancher Historiker,  diente sie einst als billige Ausrede der New Yorker Aktienhändler, die zeitig vor der Sommerschwüle aus der Stadt fliehen wollten.

Allerdings finden sich auch ein paar rationale Gründe, wieso die Börsenkurse im Sommer weniger Elan beweisen: Die Hauptversammlungs-Periode ist vorbei,  die Monate werden nachrichtenärmer. In der Ferienzeit neigen Firmen weniger dazu, massive Veränderungen zu kommunizieren. Das gleiche gilt für Notenbanken, und auch die Politik pflegt ihre Sommerpause.  

Das sind die wirklich schwachen Börsenmonate

Langfristig betrachtet ist in der Tat etwas dran am „Sell in May and go away“-Ratschlag – zumindest wenn man ihn komplett zitiert, nämlich inklusive des Nachsatzes „but remember to come back in September”. So haben die Ökonomen Sven Bouman und Ben Jacobsen bei Langfristig-Analysen in 36 von 37 untersuchten Ländern herausgefunden: Gerade im europäischen Raum entwickeln sich die Börsen in den kalten Monaten Oktober bis April deutlich besser als im Sommer. Bei der Analyse der Aktienmärkte im Vereinigten Königreich konnten Bouman und Jacobsen diesen Effekt sogar bis zurück ins Jahr 1694 ausmachen.

Scheinbar überzeugende Zahlen – nur hat dies allein mit dem Mai nichts zu tun. Laut DZ-Bank machen US-Aktien im langfristigen Schnitt hier immerhin 0,5 Prozent Gewinn, deutsche immerhin noch 0,3 Prozent. Nicht der „Wonnemonat”, sondern August und September sind auf lange Sicht die Verlustbringer. Unter den zehn Monaten mit dem stärksten Minus beim Dax seit 1959 sind laut boerse.de je dreimal ein August und ein September. Und kein einziger Mai. Und der Tag mit dem höchsten Dax-Gewinn? Der fiel, mit mehr als zwölf Prozent, tatsächlich in den Mai. Es war der 30.5.1962. Glücklich, wer zuvor nicht verkauft hatte...